Gesichtssinn

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Die Übungen sind keine Erzeugnisse der Neuzeit, die erst auf die Brauchbarkeit wissenschaftlich untersucht werden müßten, sondern sind in allen Zeitaltern, in allen Zonen der Erde und unter den verschiedensten Verhältnissen, geprüft, befolgt und durch die denkbar besten Ergebnisse bestätigt worden. Wer sie in dem Geiste, in dem sie gegeben worden sind, vornimmt, erreicht das gewünschte Ziel. Sie sind also Mittel zur Erreichung eines Zieles und wir machen von ihnen Gebrauch, wie wir Gabel und Löffel zur Aufnahme der Nahrung benutzen.

Mit den Übungen sind keine Opfer und keine Demütigungen verbunden. Sie verlangen nur Interesse und einen festen Entschluß, der die Konzentration auf die vorzunehmenden Übungen zur Folge hat. Je besser wir dabei den Gedanken zu konzentrieren verstehen, je getreulicher wir die einzelnen, auch kleinsten Anweisungen befolgen und je gewissenhafter wir die daraus erwachsenden Pflichten uns selbst gegenüber erfüllen, um so größer wird der Gewinn aus den Übungen sein, viel größer, als wir zu vermuten wagen.


Am besten lieferst du dir selbst einen kleinen Beweis. Fühlst du dich müde und erschöpft von den Sorgen und Plagen des Daseins, dann bringe deinen Körper in einen Zustand völliger Entspannung und atme lange aus mit dem Gedanken: "Mein Gott, ich bin dieser Welt und ihrer Bürde müde!" Mit dem nächsten Atemzuge ziehst du viel frische Luft ein und denkst dabei: "Ich bin das All im All!" und schon fühlt sich dein zagendes Herz unmittelbar erleichtert, neue Hoffnung zieht in dich ein, du fühlst dich neubelebt und erhoben und wirst dir deines wahren Wesens bewußt. Du hast wieder Kraft gewonnen, den Kampf des Lebens aufzunehmen. Atmest du eine Weile in diesem Zustande vollkommener Entspannung tief aus und ein, so erkennst du immer klarer, daß das Leben trotz aller Bürden lebenswert ist.


Jeder von uns hat schon ähnliche Erfahrungen an sich selbst gemacht, ohne sich aber Rechenschaft darüber zu geben. Es gibt Zeiten, in denen uns zu Mute ist, als sei das Ende gekommen, und dann wieder solche, in denen wir uns neubelebt und neugestärkt fühlen. Immer ist diese Neubelebung die Folge einer tieferen Einatmung bei völliger Entspannung. Die Natur bringt uns von selbst in diesen Zustand, wenn wir in der eingeschlagenen Richtung nicht weiter können. Wenn wir unsere Kräfte verausgabt haben, müssen wir wieder Kräfte anziehen, um die Kanäle des Lebens zu füllen.

Wer Ruhe und Geistesgegenwart bewahrt, was auch immer ihm zustoßen mag, atmet von Natur aus tiefer, voller, rhythmischer, regelmäßiger. Das ist eine Mitgift, die er seiner Mutter verdankt, die ihn unter sehr günstigem Atem empfangen hat, wenn sie sich dessen auch nicht bewußt gewesen sein mag.

Wer aber kurz, hastig und unregelmäßig atmet, verliert leicht den Kopf, fühlt sich immer unter Druck, ist nie zufrieden mit den Verhältnissen, der Umgebung und den Zeiten, hat Mißerfolg in seinen Unternehmungen und leidet bald an dieser, bald an jener Krankheit. Er kann es nicht begreifen, daß jeder seines Glückes Schmied ist und sich seine Lebensbedingungen selbst zu schaffen hat.