Gesichtssinn

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Also muß sich jeder, dessen Atemfähigkeit gering ist, zu allererst vollere und tiefere Atemzüge angewöhnen und hierzu geeignete Übungen vornehmen, bevor er sich den rhythmischen Atemübungen zuwendet, die auf eine höhere Entwicklung zielen. Empfindet er bei dem Versuch, vollere und tiefere Atemzüge zu nehmen, Schmerz, so beweist dies, daß die Lungen nicht genügend entwickelt sind. Ein starker Brustumfang ist noch kein Beweis für gute Atmungsfähigkeit.

Selbstverständlich darf die Brust nicht äußerlich gehemmt, beengt oder eingeschnürt sein. Die Bekleidung muß locker anliegen, so daß der Brustkorb leicht seine größte Ausdehnung erreichen, das Zwerchfell sich ungehindert bewegen und der Unterleib leicht eingezogen werden kann. Die Bewegungen müssen spielend und ohne Anstrengung vor sich gehen und Gewalt darf nie angewendet werden. Zuerst entleert man die Lungen vollständig und dann atmet man so tief und rhythmisch wie möglich ein. Darauf achtet man gewissenhaft beim Gehen oder Sitzen, bei der Arbeit oder beim Spiel, sogar beim Essen und übt sich tagsüber jede Stunde wenigstens einige Minuten, tiefere Atemzüge zu nehmen.

Sobald man sich tiefere Atemzüge angewöhnt hat, verschwinden alle Gefühle des Unbehagens, weil sich der gesamte Körperzustand bessert, der Blutumlauf normal und das Blut besser mit Sauerstoff versorgt und gereinigt wird, so daß die Nerven mehr Fluidum erzeugen und die Organe anregen, ihre Aufgaben zu erfüllen.

Wie gern wandern wir in die Berge, um in tiefen Zügen die reine leichte Luft einzuatmen, die uns Mutter Natur darbietet! Wie gern wandern wir am Ufer eines Flusses, um in aller Stille den lebenspendenden Hauch der Luft in unseren schmachtenden Körper einzuziehen! Wie gern lassen wir am Meeresstrande unseren Blick über das Wasser schweifen, freuen uns über die frischen Winde, die uns umspielen, und atmen die salzige Meeresluft tief ein, als wäre sie der beste funkelnde Wein!

Aber wir brauchen nicht weit zu gehen, nicht in die Ferne zu schweifen, um diesen wundervollen Lebenswein zu trinken; er steht uns in unmittelbarer Nähe und überall mit der gleichen, lebenerneuernden Kraft zu Verfügung. Wir brauchen ihn nur zu nehmen und verstehen dann die Worte der Schrift besser: "Und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." Dieses Wasser des Lebens ist der Atem. Er entwickelt alle Kräfte und Fähigkeiten in uns und hilft uns, das Lebensrätsel zu lösen.

Schon jetzt ist es uns klar geworden, daß das Atmen eine ernste und lebenswichtige Angelegenheit ist, die wir nicht oberflächlich behandeln dürfen. Vielmehr müssen wir uns jede Einzelheit angelegen sein lassen und befolgen. Damit jedermann das kann, wird alles so einfach und klar dargelegt, daß jedes Kind es verstehen kann und sogleich Nutzen daraus zieht, weil die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und Kräfte alsbald einsetzt.

Unser Körper gleicht einem Musikinstrument, aus dem der musikbegabte Spieler sogleich harmonische Töne hervorholt, auch wenn er keinen Begriff von der Mannigfaltigkeit der Töne oder von den Schwingungszahlen hat, die einer harmonischen Musik zugrunde liegen. Ausschlaggebend ist, daß die Saiten richtig gestimmt sind. Ebenso erzeugt der Atembeflissene mittels seines Körperinstrumentes immer mehr und immer neue harmonische Schwingungen, die die verborgenen Kräfte und Fähigkeiten offenbaren, wenn alle Teile seines Körpers im zustande harmonischer Schwingung und aufeinander abgestimmt sind.