Weihnachten 5. Weihnachten, der Geburtstag der Kultur

Bis auf den heutigen Tag feiert man Weihnachten, schon seit der Zeit, als die weiße Menschheit entstand, also nicht erst seit Beginn der christlichen Zeit, auch nicht erst seit der Zeit der Ägypter. Als sich die Stämme der weißen Menschheit aus dem Hochland von Tibet allmählich nach Iran und später noch weiter westwärts verzweigten, nahmen sie ihre heimischen Sitten und Gebräuche mit sich.

Als dann die Christusidee auftauchte, wurde Weihnachten darein eingekleidet und immer weiter als der universelle Geburtstag aller menschlichen Kultur gefeiert. Es handelt sich also beim Weihnachtsfest nicht um die Geburt eines Menschen, sondern um die Wiedergeburt aller Menschen und der ganzen Schöpfung. Mit Weihnachten beginnend, kleidet sich die ganze Natur allmählich wieder ein, lebt wieder auf, zieht an sich die Strahlen der Sonne, verlängert die Tage und schürt den Menschengeist zu neuen Ideen und Plänen, damit er sich vorbereite auf das Kommende.

So wurde dann symbolisch die Empfängnis und Geburt eines Heilandes zu gleicher Zeit gefeiert, und so sind die Weihnachten bis auf unsre Tage gekommen als eine Gelegenheit für alle Großen der Welt, sich miteinander zu verbinden und sich der Geburtsstunde eines neuen Gedankens, eines Chrystosgedankens, bewußt zu werden. Die Feiern in diesen Tagen dauerten immer 14 Tage und am 15. Tage wurde dem Volke der von der Gemeinschaft gemachte Plan offenbart. Nach dem 15. Januar folgten dann noch kleinere Feste bis Mitte Februar, und dann begann die Zeit der Ausgleichung oder Ramasan, in der gefastet wurde.

Die Gepflogenheit, mit Chrystos eine Person anstatt einen neuen Gedanken zu bezeichnen, kam erst in der Zeit des Heilandes auf, als seine Jünger griechischer Herkunft ihn als ihren Chrystos bezeichneten. Bis dahin wurde der Ausdruck selbst von den Griechen sehr selten gebraucht, obwohl man schon Plato für den verheißenen Chrystos hielt, ebenso wie die Perser den König Cyrus für ihren Chrystos hielten. Kyros oder Cyrus war aber jener König, der eine Königsidee unterhielt, der sich den Gedanken festgesetzt hatte, daß alle Menschen gleichgestellt sind und sich der Gleichheit erfreuen und eine Gemeinschaft von Gleichen ausmachen sollten. Das weitere sollte der Regentschaft übertragen werden, und er selbst war bereit, sein Amt als König niederzulegen, wenn die Vertreter der übrigen Völker seinem Plane folgen sollten.

Das Reich wurde auch der neue Volksstaat genannt. Es sollte kein Unterschied bestehen zwischen den verschiedenen Stämmen und Völkern. Daher konnten auch die Juden ihre Freiheit genießen und wurden anerkannt. Jeder einzelne sollte berechtigt sein zum Namen des Allerhöchsten oder Israels; bis dahin kannte man diesen Namen nicht. Alle Völker sollten Israeliten oder Kinder des Allerhöchsten sein oder Halbgötter nach der griechischen Anschauungsweise. Soweit sich die Länder dem neuen Volksstaat widersetzten, wurden sie einfach besiegt, unterworfen und gezwungen, sich anzureihen. Es ist aber Cyrus nicht gelungen, die Völker von der neuen Staatsform zu überzeugen. Ehe das Reich noch zustande kam, starb er und mit ihm seine Idee.

Später wurde der Gedanke durch die Griechen wieder aufgenommen und durch Plato und Aristoteles der Welt wieder kundgegeben. Daher waren auch die Jünger des Heilandes, die fast alle Griechen und keine Juden waren, in die griechische und persische Staatsidee eingeweiht. Deshalb findet man auch in den von den griechischen Jüngern in griechischer Sprache geschriebenen Evangelien zum erstenmal den Ausdruck Chrystos für die Person des Heilandes gebraucht, und zwar bei einer Gelegenheit, als sich der Heiland bei Simeonos erkundigt: "Was habt ihr nur unter euch für ein Gerede über mich?"

Simeonos sagte: "Die einen meinen, du seiest einer der großen Propheten, wiedergeboren. Die anderen meinen, du seiest nur einer der kleinen Propheten, wiedergeboren. Die dritten meinen, du seiest einer der alten Halbgötter, und wieder andere sagen, du seiest Johannes der Täufer, wiedererstanden." Das waren die Ideen, die unter den Griechen über die Wiedereinfleischung der Seele gingen. Darauf sagte der Heiland: "Und was sagst du?" Bis jetzt hast du mir gesagt, was die anderen für Ideen haben; aber was ist deine eigene Idee. Da sagte Simeonos, der griechische Philosoph: "Du bist Chrystos, der Neu belebende, der Sohn Gottes."

Die Griechen glaubten, daß alle die Erkorenen unter der Menschheit unmittelbar von Gott abstammten und infolgedessen seine Söhne seien. Die anderen sind zwar auch Gottes Söhne; aber diesen Bevorzugten gaben sie die besondere Anerkennung als "Chrystos", d. h. Neubeleber, Erneurer, einer, der alles neu macht. So wird auch der Ausspruch bei Johannes dem Offenbarer verständlicher: "Das Alte ist vergangen, siehe, ich mache alles neu", nicht ein Heiland macht alles neu, nicht Gott macht alles neu, sondern ein jeglicher, der zur Erkenntnis des Lebens gelangt ist, ist ein Chrystos, ein Erneuerer, einer, dem das Alte nichts mehr anhaben kann und der alles neu machen soll.

Diese Griechen-Jünger glaubten, daß der Heiland ein Reich gründen würde, gleich dem von Cyrus geplanten, und hielten ihn für den vorbestimmten Erneuerer und Regenten dieses neuen Reiches. Denn alle Propheten und Prophezeiungen hatten es vorausgesagt: »Wenn es nicht weiter geht infolge all der Ungerechtigkeit, dann wird vermöge der Konzentration der Gedanken aller Unterdrückten einer erstehen, der das Volk aus der Finsternis zum Lichte führt«. Eine solche Hoffnung wurde immer gehegt, wo das Volk bis zum letzten Stadium unterdrückt war. Damals unterdrückte die Macht Roms alles. Rom interessierte sich nicht für das Volk, sondern nur für eine gewisse Klasse der eignen Leute. Daher glaubten die Jünger, daß die Zeit der Umwälzung nahe sei.

Aber der Heiland selbst sagte dazu: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Ich will nicht regieren im weltlichen Sinn, nicht einmal im Sinne eines Cyrus. Denn der Mensch muß dazu erzogen werden, sich selbst zu regieren. Das ist die Absicht der Natur und eines Schöpfers, daß ein jeder zur Überzeugung gelange, daß der Mensch in der Welt seine Talente, aber nicht ein Mensch den anderen auszubeuten hat. Dieses Ziel ist aber nicht erreichbar durch irgendeine Regentschaft oder durch irgendeinen äußeren Zwang, sondern nur durch Belehrung und Erziehung, durch Ergänzung des Fehlenden und dadurch, daß die Menschen darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie eines andern Ursprunges sind, als sie bisher gelehrt wurden, daß der Mensch von Ewigkeit her stammt und in sich trägt den ewigwirkenden Gedanken Gottes.

In dieser Richtung lehrte auch der Heiland: "Ich und Abba, wir sind uns Eins geworden"; ich und die Unendlichkeit sind eine Einheit. "Wer mich sieht, der sieht die Unendlichkeit", minimisiert in eine Gestalt, die wir Mensch nennen. "Was ich tue", was ihr mir zuschreibt als Wunder, das könnte ich doch nicht vermöge dieses Körpers, sondern "das schafft Abba, der unendliche Gedanke, der in mir ist"; er wird nie müde zu schaffen, sondern ist sich stets bewußt seiner unbegrenzten Möglichkeiten. "Darum werdet doch ihr auch vollkommen, wie euer Abba im Himmel schon vollkommen ist", vollkommen wie die Unendlichkeit, die im Bereiche eurer Intelligenz liegt, die in eurem Innern ist. Die Unendlichkeit, die vollkommen ist, die alles umfaßt, wohnt doch in eurem Herzen und sucht sich durch die Intelligenzen des Gehirnwesens offenbar zu machen; erkennt und anerkennt sie doch und werdet doch so vollkommen. Der Heiland lehrte also dasselbe wie die griechische Philosophie, nur machte er die Sache noch klarer als die Griechen und drückte alles noch verständlicher aus als die Iranier, die zu seiner Zeit auch in Jerusalem eine Niederlassung hatten und von dort aus neue Gemeinden gründeten.

Die 120 Iranier, die die Gemeinde in Jerusalem bildeten, unterstützten den Heiland in seinen Bestrebungen und hofften, daß sie von Erfolg gekrönt sein möchten. Aber sie konnten nicht durchdringen gegen das organisierte Autoritätswesen, das das Volk geknebelt hielt. Die ganze Welt in allen Ländern lag damals in den Banden Roms, und die lokalen Machthaber waren nur vorgeschobene Strohmänner, die gekaufte Ämter, aus Ehrgeiz oder Ehrsucht innehielten, wie Kaiaphas, der Vetter des Judas, und Anas, sein Schwiegervater. Genau so ist es ja heute noch in allen Ländern; es gibt überall Ämter, die man kaufen oder mit gekauften Personen besetzen kann und die auch von der Pariser Zentrale der Geldmacht-Familie gekauft werden. Es ist also heute im Prinzip noch das gleiche wie damals, nur daß heute die ganze Welt in den Banden von Paris liegt. Damals hielt die römische Militärkaste die Welt in Ketten und Banden, und heute kontrolliert die Pariser Geldmacht die Regierungen der Völker.

So hofft man heute in der ganzen Welt genau wie damals zu Jesu Zeiten, daß Einer kommt, der die Sache in die Hand nimmt. Seit Jesu Zeit glaubte man ja sogar in vielen Kreisen an ein "zweites Kommen Christi", daß er selbst in Person wiederkomme, die Erlösten um sich sammeln und die Erde in ein Paradies verwandeln werde. Die Idee war ganz gut, nur hat man die Durchführung nicht genau genug durchgearbeitet. Man muß immer wieder Vergleiche anstellen und bedenken, welche Anordnungen der Heiland für die Durchführung seines Planes oder für die "Wiederkunft Christi" getroffen hatte. Er sagte doch ausdrücklich: "Nur wenn ihr meine Gebote haltet, werden ich und Abba kommen und in euren Herzen Wohnung machen."

Was für Gebote waren das ? Erst sagt er uns: »Der Mensch ist sich selbst ein Gesetz zur Genüge; ich bin nicht gekommen, um die Gesetze oder Moses mit seinen Gesetzen aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen.« Und wie erfüllt er diese Gesetze? Dadurch, daß er keinen Anstoß gibt, sondern die Rechte eines jeden anerkennt und in einem jeglichen erkennt das gleiche, nämlich die Offenbarung Gottes, und darum die Gleichheit in allen Beziehungen und in jeder Richtung. Das hebt dann alle Gesetze auf, die die Gleichheit wohl erstreben, aber nicht erreichen. Dann setzt er hinzu das weitere Gebot: »Daß ihr Liebe habt füreinander«, daß ihr euch gegenseitig achtet und anerkennt und euer Wirken gegenseitig unterstützt. Dann, wenn ihr diese Gebote in jeder Richtung erfüllt, werden ich als ein Prinzip und Abba, die Unendlichkeit, kommen und in euren Herzen Wohnung machen.

Also im Herzen vollzieht sich das zweite Kommen Christi, im Herzen eines jeden taucht Chrystos oder der erneuernde Gedanke auf, sobald man den Heiland als den Heilandsgedanken anerkennt, der sich nun durch uns wiederverkörpert, wieder erscheint, so daß ein jeder von uns Chrystos oder das Prinzip Christi darstellt und nun geleitet wird durch seinen Geist oder durch den Geist der Erneuerung. Dann läßt man das Alte fallen und streckt sich nach dem Bevorstehenden oder Neuen.

Der einzelne muß diesen Weg selbst finden und selbst gehen. Ein Volk aber muß auf den Weg geführt werden, aus der Dunkelheit in das Licht geleitet werden, auf daß es nicht falle durch die Autoritäten, die kein freies Volk wollen. Jedes Land hofft auf einen solchen Führer, Deutschland hofft, England hofft, Frankreich hofft, sogar Spanien hofft. Wenn aber der Führer oder Präsident anderthalb Millionen Pesetas bekommt, dann sieht es etwas komisch aus mit der Erlösung des Volkes.

Als Führer eignet sich immer nur ein Charakter, und sein Amt muß ein Ehrenamt sein. Trachtet jemand nach einem Amte der Bezahlung wegen, so beweist er, daß er von Natur aus kriminell veranlagt ist. Aber es gibt überall Männer und Frauen genug, die charakterfest sind und ohne Bezahlung ein Amt zum Wohle des ganzen Volkes verwalten wollen und können. Ein Führer darf zu keiner Partei gehören, auch nicht durch eine Partei in sein Amt eingesetzt werden, sondern muß sich in sein Amt hineinarbeiten. Dann beweist er seinen Charakter und erweist sich als ein Retter, der sein Land für sein Volk errettet.

Alle Länder leben in dieser Hoffnung, daß doch hier und da Einer geboren wird mit allen diesen Anlagen und Kenntnissen, die es ihm möglich machen, sich für ein ganzes Volk einzusetzen, so ähnlich wie es ein Bismarck in Deutschland und ein Gladstone in England getan hat, die sich nicht emporarbeiteten eines Lohnes wegen, sondern denen ein ganzes Volk am Herzen lag, die einem ganzen Volke zu seinem Rechte verhelfen wollten, die einen Plan und zugleich eine eiserne Hand hatten und sich nicht zurückschrecken ließen. Daß Bismarck das getan hat mit Deutschland müssen wir alle anerkennen. Wenn wir auch bisher noch nicht darüber nachgedacht haben, jetzt müssen wir aber anfangen nachzudenken, was dieser Charakter dem Teutonen-Volke Gutes getan hat: Bismarck hat ein ganzes Volk, das in Banden der Unfreiheit und Armut lag, zum Wohlstand und zur Geltung in der Welt gebracht.

Wie war es vor 1871 in Deutschland? Ein Dienstmädchen bekam 8 Taler Jahreslohn, ein guter Knecht 12 Taler, ein gelernter Gärtner 20 Taler das Jahr und dazu genug Weizen, Kartoffeln und Rüben, daß er Leib und Seele zusammenhalten konnte! Wer wußte etwas von einem Wasserklosett, von einem Badezimmer, von Gas oder gar von Elektrizität! Und dann die Kleidung: der Anzug des Großvaters erbte bis auf den Enkel! Damals kam man nie aus seinem Städtchen heraus und eine Reise war ein Staatsereignis! Man muß sich vergegenwärtigen, daß wir heute in Deutschland gegenüber damals trotz aller Armut im Reichtum leben.

Wenn wir trotzdem nicht zufrieden sind mit unsrer Lage und die gegenwärtigen Verhältnisse ähnlich denen zur Zeit Christi empfinden, dann müssen wir uns doch einfach fragen, wie wir durch eigene Anstrengung eine Besserung herbeiführen können.

Stellen wir Vergleiche mit früher an, dann erkennen wir, daß zu allererst die Arbeitszeit verkürzt werden muß. Denn da, wo der Erfindergeist immer reger wird und uns als einem ganzen Volk das Los erleichtert, muß die Arbeitszeit herabgesetzt werden. Sobald eine Neuerung durchgeführt wird, muß sie wieder herabgesetzt werden, aber nicht die Löhne, auf daß alle eine Beschäftigung finden. Denn nur da, wo man beschäftigt ist, bleibt man normal und hegt die Gedanken, die auf ein höheres Ziel gesetzt sind.

So möge der Heilandsgedanke immer mehr rege werden in uns und den Wunsch in uns schüren, daß ein Charakter in jedem Volk hervortreten möge, der das Volk hinaufführen kann und will, auf daß nicht nur das Los des einzelnen erleichtert wird, sondern wir uns auch als eine ganze Menschheit erfreuen mögen der Zivilisation, die uns seit Anbeginn der Kulturmenschen durch alle die geworden ist, die den Weg der Erkenntnis betreten haben zu ihrer Zeit! 

So ist uns doch als erste wesentliche Erweiterung der Dampf geworden. Dann kam die Elektrizität, dann das Auto, dann das Luftschiff, und dabei dürfen wir nicht stehen bleiben. Selbst beim Luftschiff kommt nun eine wesentliche Verbesserung in den Vordergrund, indem wir mit Luftdruck durch die Luft fahren werden. Schließlich brauchen wir auch keine schwerfällige Maschinerie mehr, sondern fahren durch die freie Energie, die sich auch als eine Art Druck äußert, der alles in Bewegung setzt. Damit sich der Gedanke dieser Neuerungen festsetze, gehen wir jetzt durch eine Art Probezeit, die uns aufrütteln soll aus unserm Halbschlaf, damit wir aufwachen und erkennen, daß es so, wie wir es bisher getrieben haben, nicht weiter gehen kann.

Es muß einfach alles so geregelt werden, daß uns ein besseres Leben als bisher bevorsteht. Zufriedenheit ist ein guter Zustand, der sich aber nur dadurch aufrechterhalten läßt, daß man sich beständig alles verbessert, die Verhältnisse, die Umstände, die Umgebung, die Beförderungsmittel, die Wohnung, die Kleidung, sogar die Lebensmittel. Alles muß sich beständig verbessern, wenn wir im Zustand der Zufriedenheit verbleiben wollen. Aber wer soll es mir besser machen? Ich muß es selbst besorgen! Ob ich das kann? sicher, es bedarf nur der Übung.

Kein Künstler wird groß oder bleibt groß, es sei denn, er übt beständig, um dem Geiste der Kunst den Weg zur Entwicklung zu bahnen. Er mag noch soviel über Kunst wissen oder hören oder Stunden erhalten: solange er sein Instrument nicht manipuliert, sich darauf nicht übt, wird er doch kein Musiker. In der Malkunst muß man sich doch üben, den Vordergrund, den Hintergrund, die Schatten- und Lichtlinien richtig zu setzen, muß sich üben in der Harmonie und Zusammensetzung der Farben. Das erste Gemälde ist doch nicht das beste; nach Jahren sieht man den Fortschritt.

So verhält es sich auch mit dem Körper. Wir sollen immer mehr Kontrolle über den organischen Körper bekommen zwecks weiterer Entwicklung der Gehirnzellen, damit deren Intelligenzen zum Vorschein kommen und unsern Sinnen Offenbarungen vermittelt werden können. Je mehr das geschieht, um so geweckter denken wir und werden ermutigt, uns aus dem alten Zustand heraus und in einen neuen besseren Zustand hinein zu arbeiten.

Das Prinzip der Erneuerung und der Heilung, das uns von allen Banden erlöst, ist in uns. Das Chrystosprinzip ist es, das uns von allen Banden erlöst, uns durch erweiterte Kenntnis und Erkenntnis die Macht und die Kraft gibt, uns loszureißen von all den Irrtümern, die uns krank und unfrei gemacht haben, von all den Suggestionen, die unsere Umgebung auf uns gehäuft hat, von all den Glaubensbekenntnissen, die uns begrenzten, von all den Ideen und Meinungen, die sich so tief eingewurzelt haben, daß sich ihre Auswirkungen bis in das Gehirn und sogar bis in das Herz verlaufen. Das Chrystosprinzip überbrückt uns alle Wunden des Alltags, macht uns bewußt die Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit des wahren Lebens, offenbart uns den Ursprung unsres Wesens und ruft uns in Erinnerung die Ewigkeit, aus der wir hervorgegangen sind, um auf dieser Erde unsre Talente zu gebrauchen und dann gleich einem Monumente unsere Ideen zu bewahrheiten und den Nachkommen den Weg zu weisen zu einem höheren Ziele.

Nur wenn wir zum Individuum, zum Christ-in-uns, zurückkehren, ist es uns möglich, daß wir uns der Freiheit erfreuen auf dem Weg durchs Leben. Ein Ablaßzettel kann uns doch nicht frei machen von den Ideen und Meinungen, die in uns eingewurzelt sind und uns in die Sünden der menschlichen Gesellschaft verstrickten. Es nutzt mir doch nichts, daß es Heilande in der Welt gibt. Mein Heiland muß in mir sein! Jeder einzelne muß für sich das Prinzip des Heilandswesens erkennen. Der Gedankenlauf des ewigwirkenden Gedankens muß von uns selbst ausgehen. Nicht kurze Gedankenwellen oder fremde Ideen und Meinungen sollen uns sein, sondern wir müssen unsern eignen tiefen Gedanken fassen und anfangen, mehr originell zu sein und uns selbst zu befragen, ob etwas so sei oder anders.

Überhaupt sollen wir Ideen und Meinungen gar nicht abwägen nach Recht oder Unrecht. Denn solange sich unsre eignen Gedankenwellen nicht vereinbaren können mit unsrer Umgebung, d. h. mit der Natur und der Unendlichkeit, dann geraten wir mehr oder weniger immer auf Abwege. Um den unmittelbaren Weg der Wahrheit und Erkenntnis zu gehen, müssen wir uns vom eignen Gedanken leiten lassen, wie es der Heiland darlegt im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Dieser mußte sich auch erst seinen eignen Gedanken festsetzen, durfte es nicht nur beim Überschlagen lassen, sondern mußte den gegenwärtigen Zustand verlassen, sich sein Ziel setzen und den ersten Schritt tun. jeder muß sich selbst retten dadurch, daß er selbst denkt, seinen eigenen Plan legt und dadurch der inneren Stimme ein Ziel setzt, auf das er nun zugeht. Jeder einzelne muß sich für sich aufmachen und zum Vater gehen.

»Und er ging« heißt es in der Schrift. Er fragte also nicht: "Was wird der Bürger sagen, wenn ich meine Stellung fristlos kündige? Werden die Schweine mich nicht vermissen? Was werden sie sagen, wenn sie mich nicht wiedersehen?" Nein, er ging einfach, betrat den Weg allein für sich, ohne auf die Hilfe eines anderen zu warten, und ging auf sein Ziel zu. Da ein jeder das göttliche Individuum oder das göttliche Atom darstellt, ein jeder sein eigenes Leben in sich trägt, die Ewigkeit in einem jeden vorhanden ist, darf man sich nie auf andre verlassen, sondern nur auf sich selbst, d. h. auf den ewigwirkenden Gedanken, den göttlichen Atom in uns, der unser Wesen ausmacht von Ewigkeit her.

Wir sind frei und unabhängig vom Organischen, das unserer göttlichen Wesenheit anhängt und nur dazu dient, daß wir mit Hilfe der Materie tiefer in diese eindringen. Darum mußte die Materie werden, auf daß wir durch sie immer mehr erkennen, daß Gott oder der ewigwirkende Gedanke nicht nur in sich ewig ist, sondern daß in ihm auch sind die Mächte und die Kräfte, weiter zu schaffen, weiter zu schöpfen, zu entwickeln, zu vervollkommnen, um alles, was schon da ist, weiter auszubauen für höhere Zwecke, damit uns nie eine Schranke gesetzt werde.

Zum Teil sieht man das auch ein. Aber wir müssen weiterschreiten und dürfen bei dem gegenwärtigen Zustand nicht stehen bleiben, sondern müssen sogar den Kollektivismus erweitern. Erst aber müssen wir uns auf uns selbst verlassen können, ehe ein wirklicher Kollektivismus möglich ist. Auf unsern eignen Füßen müssen wir stehen können, unsrer eignen Sache uns widmen, damit der Willen der Gottheit in uns sich durchsetze, und es Wahrheit wird: "Dein Willen geschehe!", aber nicht der Willen der unentwickelten Menschen um uns. Sie mögen noch so hohe Stellungen bekleiden, so sind sie doch sehr weit zurück, soweit es die geistigen Anlagen und das Kultur-Herz betrifft. Sie mögen ihre aufgespeicherten Ideen und Meinungen noch so breitschlagen, so sind sie doch unentwickelt und daher in ihre Ideen verwickelt.

Daher müssen wir uns selbst in die Hand nehmen und uns vorbereiten, auf daß uns immer klarer werde der Zweck dieses Lebens oder der Spanne dieser Zeit. Möge einem jeden werden die Erkenntnis der Macht, die in den Kammern unsres Herzens wohnt!