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Atem - das unentdeckte Potential

Mensch Lungen, Kreise, abstrakt, Illustration

Atmung

Wenn wir der Atmung keine größere Aufmerksamkeit schenken würden, als wenigstens vollständig auszuatmen, so wäre das bereits genug, um uns bei guter Gesundheit zu erhalten.

Vollständig oder tief auszuatmen heißt, bis aufs Äußerste auszuatmen – so lange, bis die Natur die Einatmung erzwingt. Wir atmen so lange aus, bis es uns scheint, als würden wir uns in Nichts auflösen; dann ringen die Lungen von selbst nach Luft. Wir müssen also sozusagen einen Punkt der Erschöpfung oder vollständiger Ausleerung erreichen.

Eine Reihe von Gebeten rasch hintereinander auszusprechen, bezweckt, die Neigung zu Furcht, Sünde, Leid und Krankheit auszumerzen. Dieser Zweck wird in hohem Maße erreicht. Menschen, die viel beten, haben selten Beschwerden. Sie mögen nicht unbedingt religiöser werden, aber sie werden sicher gesünder – nicht wegen der Worte des Gebetes, sondern infolge des Ausleerens der Lungen.

Denn dadurch entledigt sich der Organismus des Druckes, den die Kohlenstoffverbindungen ausüben, indem sie Spannungs- und Vergiftungszustände im Körper erzeugen. Schaffe sie durch regelmäßige Übungen im Tiefatmen aus deinem Organismus, alle drei Stunden für drei Minuten, und du wirst anfangen, der Atmung größere Aufmerksamkeit zu schenken  ganz abgesehen von der besseren Gesundheit, die sich von selbst einstellt.

Allmählich beginnen auch Wissenschaftler und Erzieher, den Wert der zielbewussten Atempflege zu erkennen. In vielen Schulen hat man daher bereits regelmäßige Atemübungen eingeführt. Nach einigen Monaten erweist es sich stets, dass die bisher interesselosen, teilnahmslosen und stumpfen Kinder Liebe zum Lernen entwickeln  und zwar nicht nur auf einem bestimmten Gebiet des Lehrplans, sondern auf allen Gebieten.

Die Atemübungen haben nicht nur den Geist, die Seele und das Gesinn des Kindes geweckt, sondern auch zu offensichtlichen körperlichen Fortschritten geführt. Das Kind wird kräftiger, verdaut besser, ist lebendiger und liebenswürdiger. Die Atemübungen wecken das Verlangen im Kind, sich auch außerhalb der Schulstunden mit abstrakten Dingen zu beschäftigen, sodass es sich jedem neuen Gebiet zuwendet, das der Lehrer anbietet, mit Eifer und Freude zuwendet.

Alle religiösen Gemeinschaften, die die Mazdaznan-Methode des Singens und Sprechens auf den Atem angenommen haben, wecken bei ihren Mitgliedern eine tiefere Religiosität. Viele von ihnen erleben den Pfingstgeist der Illumination, andere offenbaren Heilkräfte, die in keiner Apotheke zu kaufen sind. Es steckt weit mehr am religiös geübten Atem, als man ahnt.

Erst müssen wir den rhythmischen Atem ausprobiert und uns zu eigen gemacht haben, dann dämmert uns, wie einfach das Leben eigentlich ist. Wir müssen jedoch all die einfachen Mittel anwenden, die uns die Natur an die Hand gibt, damit wir alle Widerstände beseitigen und die Zügel des Lebens fest in die Hand bekommen.

Es gibt kein Wachstum und keinen Fortschritt, außer wir ergeben uns der Atemwissenschaft. Es genügt für den Fortschritt nicht, gedankenlos und unbewusst zu atmen wie der durchschnittliche Mensch. Wir müssen Ordnung und System in unsere regelmäßigen Übungen bringen und uns schließlich wieder einen tiefen, rhythmischen Atem angewöhnen. Dann werden wir sehen, wie unser Wachstum einsetzt, wie wir uns entfalten und ein Zustand der Reife beginnt.

Sobald wir unserem Körper mit systematischer Atempflege zu Hilfe kommen, gehorcht er nicht nur allen unseren Anforderungen, sondern korrigiert auch Mängel und Fehler, die sich durch eine verkehrte Lebensweise eingestellt haben. Die Zeit, die wir aufbieten müssen, um diese Mängel loszuwerden, ist zwar weggeworfen und verloren, weil wir uns diese Fehler und Mängel nur durch Übertretungen aus Unwissenheit zugezogen haben. Aber wir lernen dadurch doch wenigstens so viel, dass Kenntnis und Verständnis nötig sind, wenn wir unserer höheren Natur in diesem Dasein zu ihrem Recht verhelfen wollen.

Die Tiere erfreuen sich steter Gesundheit, weil sie ihrem Gesetz treu bleiben. Wenn der Mensch der Gesundheit ermangelt, beweist er damit, dass er die Gesetze seiner Natur übertreten hat. Dann muss er bewusste Anstrengungen unternehmen, um zu seiner richtigen Stellung innerhalb des Gesetzes zurückzukehren. Es ist jedoch leicht und einfach für ihn, sobald er aufhört zu theoretisieren und zu philosophieren und sich stattdessen einer systematischen Atempflege hingibt, bis er sich wieder einen rhythmischen tiefen Atem angewöhnt hat.

Dann ist der Weg durch diese irdischen Ebenen zur Vollkommenheit frei, nach der sich unsere höhere Natur sehnt. Durch bewusste Atempflege bilden sich die feineren Kräfte unserer Natur aus und bereichern unser materielles Dasein so stark, dass die Gaben des Gesinnes, der Seele und des Geistes an die Oberfläche kommen und uns bewusst werden. Mit ihnen können wir dem Leben seine verborgenen Schätze entlocken, wie es im Plan der Unendlichkeit liegt.

Sobald man sich der bewussten Atempflege hingibt, hört man auf mit dem Kampf gegen Windmühlenflügel, weil sich das Gesinn freimacht von aller Suggestion und sich des Unterschieds zwischen dem Zwang der Anstrengung und der Freiheit freudiger Schöpferarbeit bewusst wird. Es dauert nicht lange, dann empfindet man die Zeit seiner regelmäßigen Atemübungen als die beste Erholung für Körper und Geist, weil man sich dabei der körperlichen Schwere entkleidet, die einen geistig unbeweglich gemacht hat.

Welch' ein Glück zu empfinden, dass das Auge klarer sieht und das Herz fühlt, dass es im Tau der göttlichen Liebe gewaschen ist.

Von O. Z. Hanish. Aus Atem – Animationen.
Foto: Adobe Stock © 
jijomathai
 


 

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