Seine Augen auf einen Gegenstand zu richten, in der Absicht, den Gegenstand sicher zu erfassen, entwickelt die materielle Seite unserer Sinne und das Gesinn. Dabei muss man aber das Auge so auf den Gegenstand richten, dass man kein Verlangen dabei hat, ihn im weltlichen Sinne zu besitzen, sondern man soll so blicken, dass der Geist Mazdas den Blick leitet. Dann wird man bald frei werden von den weltlichen Banden, die uns an die Güter der Welt binden, und doch werden diese uns in Hülle und Fülle zur Verfügung stehen.
Atem - das unentdeckte Potential
Wir sollten beständig auf unseren Atem achten. Denn das Atmen ist und bleibt die Hauptfunktion von früh bis spät an jedem Tage unseres Daseins. Nur durch genügendes Atmen lässt sich der Blutumlauf normal erhalten, d. h. die Überlastung des Blutes mit Säuren und Mineralien vermeiden und Krankheit verhüten.
Der gewöhnliche, materielle, angeborene Atem ist unwillkürlich, unregelmäßig und wirkt daher in der Hauptsache nur materiell-physisch, also meist nur auf die hinteren Lungenlappen, was aber nicht genügt, um das Blut rein und in gutem Umlauf zu halten.
Je länger der Atem und je besser die Beherrschung der Lungen, umso besser ist die Gesundheit und umso länger das Leben in diesem materiellen Körper.
Die Wissenschaft hat das wiederholt festgestellt. Bis in alle Einzelheiten musste sie sich mit diesem Gegenstand befassen und dabei entdecken, dass nicht nur die Ausdehnungsfähigkeit der Lungen ein lebenswichtiger Faktor ist, sondern dass auch die Fähigkeit, den Atem zu halten, ebenso wichtig ist. Von dieser Fähigkeit ist die Zusammensetzung des Blutes und seine Belebung abhängig und davon wiederum die Verdauung und Umwandlung der Speisen. Alle materiellen Mittel mögen die Organe des Körpers anreizen und dadurch zu größerer Funktion steigern; dabei müssen aber stets die in den Geweben verankerten Kräfte Opfer bringen. Mit deren übermäßiger Inanspruchnahme sind jedoch leicht Erschöpfungszustände verbunden, die zu Krankheiten aller Art führen.
Dem Gesinn die Macht über die Materie zu verschaffen, ist das Streben des Menschen seit undenklicher Zeit. Im Maße seiner Erkenntnis und Übung war sein Bestreben auch erfolgreich, und immer größere Möglichkeiten offenbarten sich seinem Gesinn in diesem Reich der Erscheinung, der täuschenden Illusion und wandelbaren Materie.
Aber diese Macht des Gesinnes planmäßig und vernunftgemäß zu erweitern bis zu dem Grad, der überhaupt im Bereich des Menschen liegt, ist nur selten und immer nur von wenigen unternommen worden. Dabei sollte es geradezu öffentlich und von Staats wegen betrieben werden, damit die Segnungen eines erweiterten Gesinnes und die damit verbundenen neuen Möglichkeiten ohne Ausnahme allen denen zugute kommen, die nicht schon von Natur aus so begabt sind. Das Erste, was hierbei nötig ist, ist der Glaube an erweiterte Möglichkeiten unseres Gesinnes. Ist dieser Glaube da, dann werden wir auch nicht rasten, bis wir das Ziel erreicht haben. Das Zweite ist dann, mit den Wegen und Mitteln vertraut zu werden, die uns zum Ziel führen, damit wir uns des Erfolges sicher sind.
„Atmet, ja, atmet!“ ist die immer wiederkehrende Mahnung. Denn der Atem ist das einzige Mittel der Natur, wodurch der Mensch Gesundheit, Kraft und Lebensmut erlangen kann.
Der Atem ist es doch, der die Pforte des Erdenlebens aufschließt und für dieses die Segnungen der Unendlichkeit bereithält, sie hervorholt aus ihren Schreinen und sie verteilt durch alle labyrinthartigen Gänge des Körpers, diesen gemäß den Gesetzen der Natur von Stufe zu Stufe der Entwicklung fördernd. Der Atem schenkt das Seinige sowohl dem Blut als auch den Nerven und den Drüsen, belebt eine jede dieser drei großen Betriebsanlagen des Körpers und weckt und verjüngt den Körper immer wieder. Darum schenken wir diesem Lebensatem unsere ganz besondere Aufmerksamkeit.
Sobald wir uns im rhythmischen Atmen üben, erkennen wir die Vielseitigkeit unserer Natur und die großen Möglichkeiten des Lebens, die auf uns warten. Dann begreifen wir, dass wir auf der einen Seite Anteil an der Unendlichkeit, auf der anderen an der Endlichkeit haben und uns deshalb von innen und von außen verstehen lernen müssen, damit wir unsere Rechte und Pflichten gegenüber beiden Seiten unseres Wesens wahrnehmen können und dadurch wieder eingesetzt werden in unser Geburtsrecht, wonach uns die Schätze des Lebens in unbeschränktem Maße zustehen.
„Atem ist Leben“ kann von niemandem in Abrede gestellt werden. Denn wo kein Atem, kein Aufatmen und kein Auf und Ab ist, da ist keine Tätigkeit, keine Bewegung und kein Leben.
„Atem ist Leben“ war in den Tagen der Vergangenheit der Gegenstand der Betrachtung und wird in der Zukunft das interessanteste Thema bleiben.
„Atem ist Leben“ ermuntert uns zu denken und nachzudenken, um schließlich zu entdecken, dass Atem, Energie und Geist im Grunde ein und dasselbe sind, das uns inspirieren will und soll, zu bedenken, was wir denken.
Wenn wir der Atmung keine größere Aufmerksamkeit schenken würden, als wenigstens vollständig auszuatmen, so wäre das bereits genug, um uns bei guter Gesundheit zu erhalten.
Vollständig oder tief auszuatmen heißt, bis aufs Äußerste auszuatmen – so lange, bis die Natur die Einatmung erzwingt. Wir atmen so lange aus, bis es uns scheint, als würden wir uns in Nichts auflösen; dann ringen die Lungen von selbst nach Luft. Wir müssen also sozusagen einen Punkt der Erschöpfung oder vollständiger Ausleerung erreichen.
Eine Reihe von Gebeten rasch hintereinander auszusprechen, bezweckt, die Neigung zu Furcht, Sünde, Leid und Krankheit auszumerzen. Dieser Zweck wird in hohem Maße erreicht. Menschen, die viel beten, haben selten Beschwerden. Sie mögen nicht unbedingt religiöser werden, aber sie werden sicher gesünder – nicht wegen der Worte des Gebetes, sondern infolge des Ausleerens der Lungen.
Bevor wir uns dem eigentlichen Studium der Atem- und Gesundheitskunde widmen, müssen wir uns mit wesentlichen Grundvoraussetzungen befassen, um den Erfolg der rhythmischen Atemübungen zu gewährleisten. Vor allem sollten wir uns klar sein, dass Lesen und Studieren die eine Seite der Medaille sind, die praktische Ausführung aber die andere. Lesen und Studieren geht natürlich der Praxis voraus, wer aber auch ernsthaft die hier beschriebenen Übungen durchführt, der wird mit seinen Erfolgen in höchstem Maße zufrieden gestellt werden.
Der Atem ist der Antrieb für unseren Blutkreislauf, während das Herz einerseits als Ventilmechanismus zwei unterschiedliche Druckbereiche voneinander getrennt hält, andererseits den Sitz unserer Individualität, des göttlichen Funkens in uns darstellt. Die Atmung dient uns dazu, das Blut in Umlauf zu halten, es zu reinigen, zu energetisieren und Kraft unserer Gedanken die Verbindung zwischen Herz und Verstand herzustellen. Sollen das Nervensystem oder die Organe besser arbeiten, muss der Blutkreislauf zu vollkommener Zirkulation angeregt werden, um die Versorgung zu gewährleisten. Dies geschieht mittels tieferer Atmung. Sonst bilden sich Ansammlungen von Kohlensäure und anderen Gasen, die nicht nur die Sättigung des Blutes mit Sauerstoff unterbinden, sondern außerdem verbrauchte und verwesende Abfallstoffe ablagern.
Wir beginnen damit, uns im tiefen Ausatmen zu üben. Damit können wir uns schon bei guter Gesundheit erhalten. Tief ausatmen heißt ausatmen bis aufs Äußerste, bis zur völligen Entleerung, bis die Natur die Einatmung erzwingt. Eine uralte und bewährte Methode, um die Ausatmung zu üben, ist das Sprechen von Sprüchen oder Gebeten auf eine Ausatmung.
Verlängern wir die Einatmung in der Weise, dass wir dabei die Muskeln des Unterleibs aufwärts gegen das Zwerchfell ziehen, bis wir uns im Inneren eines leisen Seufzens oder Schluchzens gewahr werden, dann verlegen sich die Schwingungen allmählich auf das Gehirn und es wird uns die Umwandlung oder Konverte der eingeatmeten Elemente.
1. Entspanne alle Muskeln, ob stehend, gehend, sitzend, liegend oder arbeitend.
2. Wölbe die Brust möglichst hoch heraus und halte sie beständig hoch.
1. Ob im Stehen, Sitzen oder Liegen, entspanne den ganzen Körper in allen Teilen und sei ganz gelassen.
2. Wölbe die Brust hoch heraus und halte sie mittels der Brustmuskulatur beständig hoch, während alle anderen Muskeln des Körpers locker und entspannt sind.
Wir leben in einer Sinnenwelt, in der alle unsere objektiven Begriffe und Kenntnisse vom Zustand unserer Sinne abhängen. Wollen wir unsere Kenntnisse erweitern oder größeren Nutzen daraus ziehen, so müssen wir vollen Gebrauch von unseren Sinnen machen können, und wollen wir unsere höherstrebenden, innersten und heiligsten Wünsche befriedigen und das Ziel einer höheren Entwicklung erreichen, so müssen wir alle unsere Sinne zu einem entsprechend hohen Grade entwickeln. Aus eigener Beobachtung wissen wir, dass unsere Wahrnehmungen beschränkt und mangelhaft sind, weil wir etwa kurzsichtig oder schwerhörig sind. Es liegt daher in unserem Interesse, solche Mängel zu verbessern und unsere Sinne zu entwickeln, und die Atemlehre zeigt uns, dass wir auch die Möglichkeit dazu haben.
Mazdaznan lehrt, dass der Mensch zwölf Sinne hat und dass sein Denkenswesen dem Entwicklungsgrad dieser zwölf Sinne entspricht. Der Gesichtssinn spielt unter ihnen eine sehr wichtige Rolle, weil er die Grundlagen für die Begriffsbildung und für die Beurteilung der Dinge in der Umgebung liefert. Je nach dem Eindruck, den der Gesichtssinn von einem Gegenstand erhält, ziehen wir unsere Schlüsse. Bei mangelhaftem Sehvermögen erfassen wir die Dinge der objektiven Welt nicht so deutlich wie mit guten Augen. Deshalb hat auch jeder ganz von selbst den Wunsch, alles so klar und scharf wie möglich zu sehen.
Diesem inneren Wunsch kommt diese Übung entgegen. Sie wird nicht nur unser objektives Sehen nach außen verbessern, sondern auch unser geistiges oder inneres Sehen, das Hell- oder Klarsehen so vervollkommnen, dass wir die Wahrheit vom Irrtum, das Licht von der Finsternis, den Reichtum von der Armut unterscheiden lernen. Mancher meint vielleicht, er könne Reich von Arm unterscheiden, wenn er auch vielleicht Wahrheit und Irrtum noch nicht recht zu trennen verstehe. Aber solange er den für reich hält, der auf dem Geldsack sitzt, leidet sein Denkenswesen unter einseitiger Gehirnentwicklung, sodass er nicht scharf beobachtet, sich täuscht, sich etwas Falsches einbildet und deshalb zu einem falschen Schluss kommt. Der Geldsack, auf dem der vermeintlich Reiche sitzt, ist dessen Unglück; er ist zum Sklaven des Geldsacks geworden und ist im Grunde der Ärmste der Armen. Sobald wir klarer sehen, erkennen wir das auch.
Auf allen Stufen unseres Daseins, bei jedem Beruf, dem wir uns widmen, in allen unseren Unternehmungen hängt der Erfolg von der Kraft ab, die uns Selbstvertrauen und dadurch die Zuversicht des Erfolgs verleiht. Diese Kraft ist in uns und wird wirksam, wenn wir im Zustand der Gesundheit sind. Sie wächst in dem Grad, in dem wir Liebe zum Leben haben und diese Liebe zum Leben von der Weisheit begleitet wird. Brennt das Feuer der Liebe in uns und kontrolliert die Weisheit seine Flammen, dann wird das Leben wert, gelebt zu werden, weil es sich beständig vervollkommnet.
Der Mensch hat es also in der Hand, aus seinem Leben das zu machen, was er will, und die Lebensverhältnisse sind so, wie er sie sich schafft. Er gleicht insofern dem Samenkorn. Wir können den Samen in die Erde legen, den Boden lockern und bewässern; das Übrige aber muss der Samen durch seine ihm innewohnende Intelligenz selbst vollziehen.
Bei der 2. rhythmischen Atemübung steht man aufrecht. Die Arme lässt man entspannt und zwanglos an den Seiten des Körpers herabhängen. Den Kopf hält man hoch und zieht das Kinn soweit zurück, dass das Gesicht Unabhängigkeit und Selbständigkeit ausdrückt. Der Mund ist geschlossen, die Zahnreihen sind leicht getrennt und die Zungenspitze berührt leicht die untere Zahnreihe. Die Augen werden auf einen matten dunklen Punkt in Augenhöhe gerichtet; der Punkt soll nicht weiter als 2 1/3 Meter entfernt sein. Der Körper ist entspannt und gelassen, nur das Rückgrat ist gerade und festgesetzt.
Das Körpergewicht ruht auf den Ballen der Füße. Um dies anmutig und sicher ausführen zu können, schwingt man den Körper zunächst einige Male leicht vorwärts und rückwärts. Da bei Übungen im Stehen leicht Spannung in den Beinen entsteht, achten wir besonders darauf, dies zu vermeiden. Wir brauchen dazu nur die Lungen vollständig zu entleeren und gleichzeitig die Knie ein wenig, etwa einen Zentimeter, nach vorn zu beugen. Dadurch wird das Körpergewicht von selbst auf die Ballen verlegt, die Beine bleiben locker und man fühlt sich leicht und beweglich.
Wir wollen uns von den tieferen auf höhere Entwicklungsstufen hinaufarbeiten, um hier die Kenntnisse, die wir uns auf dem Entwicklungswege angeeignet haben, anzuwenden oder zu verwirklichen. Dazu können wir durch die 3. rhythmische Atemübung die Entwicklung des Geruchs- oder Spürsinnes und des Verwirklichungssinnes sowohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht fördern.
Damit auf unserem Wege das Gefühl der Sicherheit, Gewissheit und Überzeugung in uns immer mehr zunimmt, müssen wir uns selbst und zugleich unsere Umgebung immer besser erkennen, also vor allem auch die, die dasselbe Ziel verfolgen wie wir. Denn sie bilden einen Kreis gleich einer Schutzmauer um uns. Ebenso sollen wir bei jeder Gelegenheit immer klarer die Gegenwart dessen erkennen, der der Ursprung oder der Urgrund für alles ist, des ewig wirkenden Gedankens oder der ewig wirkenden Intelligenz; denn sie ist der Konzentrationspunkt, der in uns die Individualität unseres Wesens ausmacht und die Ursache für jeden Erfolg im Leben ist.
Wir nehmen die sitzende Stellung ein wie bei der ersten Übung, sind ganz entspannt und gelassen und uns des geraden und aufrechten Rückgrates und des festgesetzten Brustpanzers bewusst. Die Zahnreihen bleiben leicht getrennt. Die Zunge liegt entspannt am Mundboden und berührt mit der Spitze die untere Zahnreihe. Der Rücken ist dem Lichte zugekehrt.
Damit uns die Augen nichts vorspiegeln oder sich durch die Einbildung ablenken lassen, richten wir sie auf einen matten Punkt am Boden, indem wir z. B. ein Centstück auf den Boden legen, und zwar soweit vor die Fußspitzen, dass wir es während der ganzen Übung mit den Augen sehen können. In der Regel werden 2 Fuß vor den Fußspitzen genügen. Wir lassen also den Cent während der ganzen Übung nicht aus den Augen, welche Lage der Körper auch einnimmt. Der Blick ist ruhig und gelassen, also nicht starr oder gespannt.
Um die Gehirnintelligenzen und den Gedankenlauf zu zügeln, wählen wir uns irgendeinen kurzen Spruch, etwa: „Atem ist Leben“ und betonen in Gedanken die drei Worte nacheinander während der Übung. Dadurch beruhigt sich alles in uns. Es schwirren dann keine Ideen, Ansichten und Meinungen durch unser Gehirn; überhaupt fühlen wir dort keine Wirkungen. Die innere Ruhe kommt auf, das Äußere schweigt, alle Ideen, Ansichten und Meinungen verblassen, die heilige Stille kehrt bei uns ein.
Die Pflege des individuellen Atems und die naturgemäße Ernährung legen den Grund für die Weiterentwicklung des Gehirns. Denn der Mensch vereinigt in sich eine endlose Reihe von Intelligenzen ätherischer Natur und eine endlose Reihe von Elementarien atomistischer Natur. Deshalb muss er beiden Richtungen, dem Materiellen und dem Geistigen, seine Aufmerksamkeit schenken, damit ihm das Dasein auf Grund der Naturgesetze möglichst lange sichergestellt ist. Zwei einfache alltägliche Betätigungen setzen den Menschen also instand, beiden Richtungen gerecht zu werden: Atmung und Ernährung.
Der Atem zieht die Ätherwellen an sich, die alle Elemente mit sich tragen, die zur Schöpfung und Entwicklung führen, und die Lungen halten die Elemente fest, die dem Fortschritt dienen, die Gehirnintelligenzen anregen, die Lungenmuskeln bestärken, die Nervenfluida vermehren und das Blut reinigen, sodass das Blut allmählich sein richtiges spezifisches Gewicht erhält. Dadurch hat es das Herz leichter, das Blut zu verteilen, und solche negativen Zustände wie Unsicherheit, Unentschlossenheit, Ärger, Aufregung, Furcht verlieren sich.
